Akt Neun - Ein Gigoldenes Zeitalter bricht an
Nachdem wir vor kurzem in Akt Acht noch über die vier Reiter gesprochen haben und damit in aller Munde waren, gehen wir heute zu Akt Neun über und sehen uns gemeinsam mit euch das neue Gigoldene Zeitalter an. Aber was ist dieses Zeitalter überhaupt?
Es ist eine Epoche, in der “Ich habe keine Lust, das zu widerlegen” plötzlich als Argument durchgeht. Wie praktisch!
Da wird erst großspurig erklärt, man ignoriere etwas “jetzt einfach”, weil man sich mit “steilen Behauptungen”, “gefühlten Wahrheiten” und “Überheblichkeit” selbstverständlich nicht aufhalten möchte. Und damit wäre die Sache dann auch geklärt. Nicht etwa, weil die Behauptungen widerlegt wurden. Nicht, weil die Argumentation sachlich auseinandergenommen wurde. Sondern weil der Autor offenbar beschlossen hat, dass seine persönliche Lustkurve jetzt die höchste Instanz der Erkenntnistheorie ist.
Das ist schon eine bemerkenswerte Form eines Diskurses im Internet: “Ich könnte das widerlegen, aber ich habe keine Lust.”
Großartig. Wir könnten auch behaupten, wir seien Großmeister im Schach, aber haben keine Lust, eine Partie zu spielen. Der entscheidende Unterschied ist: In beiden Fällen hat danach niemand etwas gelernt. Besonders putzig wird es bei der Behauptung, man würde das “vielleicht noch in einem Kommentar auseinandernehmen”. Vielleicht. Irgendwie. Irgendwo. Irgendwann. Theoretisch. Unter geeigneten atmosphärischen Bedingungen. Nur jetzt eben nicht. Das ist argumentativ ungefähr so belastbar wie ein leeres Blatt Papier mit der Aufschrift “Widerlegung folgt”.
Und natürlich darf dabei der unvermeidliche Vorwurf der “gefühlten Wahrheiten” nicht fehlen. Ein ausgesprochen mutiger Vorwurf von jemandem, der selbst keine einzige konkrete Gegenargumentation liefert. Und dann kommt der Höhepunkt: Der “ach so schlimme Satz” wurde gelöscht, damit ihn “niemand mehr falsch verstehen kann”. Mit Sicherheit wurde dieser Satz bestimmt schon von gewissen Bloggern rechtssicher gespeichert.
Wenn ein Satz missverständlich ist, kann man ihn erklären. Wenn er falsch ist, kann man ihn korrigieren. Wenn man zu der Erkenntnis gelangt, dass die eigene Formulierung problematisch war, kann man das offen sagen. Oder man löscht ihn einfach und erklärt anschließend, die anderen hätten ihn nur falsch verstanden.
Und dann folgt zum Ende noch die Aussage, dass man jetzt “rausgeht Gras anfassen”. Das ist vermutlich die literarisch anspruchsvollste Umschreibung für “Ich beende die Diskussion, bevor ich tatsächlich argumentieren muss”, die man sich ausdenken konnte.
Ein Rückzug mit Konfetti.
Kleiner Tipp für die Rückkehr: Bring bitte ein Argument mit. Ein gutes reicht fürs Erste.