Live aus dem Rantgebiet

Der vergebene Widerstand gegen die Übermacht der Schnappatmung

· bRANTstifter

Ach herrje, schon wieder eine Tragödie des Internets. Irgendwo hat jemand “alter weißer Mann” geschrieben und es öffnet sich die Büchse der Pandora. Alle Blogs brennen, die Demokratie liegt röchelnd im Straßengraben und irgendwo sitzt ein Blogger im Rentenalter mit einer Tasse Kaffee vor seiner Tastatur und fragt sich, wie die Welt nur so grausam werden konnte.

Man muss sich das einmal vor Augen führen: Da schreibt jemand öffentlich im Internet. Ein Ort, den es bereits seit ungefähr dreißig Jahren gibt und sogar dafür bekannt ist, dass dort Menschen widersprechen. Und dann passiert exakt das. Empörung tut sich auf.

Aber dieses Mal ist alles anders. Es sind “verbale Schlägertrupps”. Man sieht sie förmlich vor sich stehen. Digitale Einsatzkommandos, die rund um die Uhr durchs Netz patrouillieren, bis sie irgendwo genau diesen einen Blog finden, der es gewagt hat, zu existieren. Und dann springen diese “Schlägertrupps” aus ihren Browser-Tabs und zeigen dramatisch mit dem Finger und schreien laut: “Alter weißer Mann!”.

Ende. Vorhang. Weltuntergang.

Besonders berührend ist dabei die Vorstellung, dass Kritik offenbar nur dann legitim ist, wenn sie so höflich formuliert wird, dass sich garantiert niemand angesprochen fühlt, und wenn doch, dem Blogger die Freudentränen in den Augen stehen. Oder viel besser: Man sendet Triggerwarnungen und einen Blumenstrauß als Entschuldigung im Voraus. Alles andere wäre einfach nur ekelhaft.

Und dann ist da noch dieser Punkt mit der Anonymität im Internet. Wie können Menschen es wagen, anonym im Internet zu schreiben? Ein Skandal! Früher war alles besser. Da standen Menschen mit ihrem vollständigen Namen, Adresse, Kreditkartennummer und Bildern in jeder Kommentarspalte. Blogs und deren Kommentare waren das Woodstock-Festival des Internets.

Aber sind wir mal ehrlich: Das Netz ist einfach überfüllt mit nervigen, polemischen und oft auch ziemlich dummen Aussagen. Das war es schon immer und wird es auch immer sein. Wer öffentlich schreibt, steht mittendrin. Das ist vor allem eins: das Internet.

Klar, man kann natürlich auch so tun, als hätte eine einzelne Phrase eure heile Bloggerwelt zerstört. Das klingt viel heroischer. Der tapfere alte Tastaturcowboy gegen die wilde Horde. Es ist wie David gegen Goliath, nur dass David im Internet meist einfach irgendein gelangweilter Mensch mit einer Tastatur ist, der zwei Wörter ins Internet tippt.

Zusammengefasst: Das Problem, meine lieben Blogger, in einem Netzdiskurs ist nicht, dass Menschen anonym darüber sprechen. Das Problem ist, dass zu viele Menschen glauben, Kritik sei automatisch ein persönlicher Angriff. Denn wer bloggt, stellt seine Gedanken in die Öffentlichkeit. Öffentlichkeit bedeutet eben auch, dass andere antworten dürfen.

Das ist aber noch lange kein “Schlägertrupp”, sondern ein Diskurs. Man kann darüber klagen. Man kann darüber bloggen. Oder man kann akzeptieren, dass Öffentlichkeit manchmal einfach genau so funktioniert.

#alte weiße männer #anonymität #woodstock des internets #verbale schlägertrupps