Live aus dem Rantgebiet

Die Mär des weißen Ritters

“Es war einmal ein edler weißer Ritter, welcher seine holde Maid bewahren will, angesichts jeglicher Widrigkeiten.” So oder ähnlich könnte ein Märchen beginnen.

Es gibt auch in der heutigen Zeit Menschen, welche glauben, als Ritter in strahlender Rüstung, ihrer angebeteten Maid zu Hilfe eilen zu müssen. Diese modernen weißen Ritter schlagen Schlachten, ungeachtet jeglicher Vernunft, nur um ihrem selbst auferlegten hehren Ziel zu folgen.

Überall im Internet finden wir sie, stets auf der Lauer liegend, um ihre Angebetete vor Unheil zu bewahren. Sie lassen keine Kritik an ihr zu und wissen stets andere zu belehren. Sie ziehen teils uninformiert in die Schlacht, ohne zu wissen, was wirklich vor sich geht und ob sie ein wirklich hehres Ziel verfolgen. Sie setzen stets voraus, dass sich jeder regelmäßig über die noch so kleinste Information zu ihrer Angebeteten informiert hat und man sie nur auf Grundlage dieser Nichtigkeiten kritisiert oder auf diese reduziert.

Immer wieder werden Worte oder Phrasen in einen negativen Kontext gerückt, nur damit man beweisen kann, dass das virtuelle Gegenüber die Ausgeburt des Bösen ist. Es gibt Menschen, welche Phrasen wie “man wolle nicht mehr fett sein” direkt als Bodyshaming abtun. Und wo wir gerade dabei sind: Wie kann es sein, dass man Ärzten, welche Probleme von massivem Übergewicht ansprechen, direkt Fehler vorwirft, nur weil sie wissenschaftliche Fakten nennen? Hier ein sehr prominentes Beispiel dafür.

Aber das Schlimmste ist, dass fast nie der Kontext von Aussagen berücksichtigt wird. So treten die weißen Ritter immer dann in Erscheinung, wenn eine Diskussion bereits im Gange ist, haben aber nicht einmal die Ausgangsposition der Diskussion gelesen, wodurch ihnen selbst der Kontext fehlt. Darauf angesprochen verfallen sie stets in eine Schockstarre und beharren auf ihren Argumenten, welche nichts mit dem ursprünglichen Kontext zu tun haben. Sogar noch schlimmer: Sie bündeln mehrere Aussagen, von welchen eine belanglose vielleicht kritikwürdig wäre, nur um die restlichen Aussagen mitdiskreditieren zu wollen.

Oft folgen auf solche Diskussionen Blockierungen, Ausgrenzungen und man wird direkt in Schubladen gesteckt. Wir würden behaupten, dass die meisten, die immer davon sprechen, dass man in einen Diskurs gehen muss, gar kein wirkliches Interesse an Diskursen haben, sondern nur lautstark ihren Senf dazugeben wollen. Sie kommen auch meist nicht allein, nein, sie rotten sich zu Rudeln zusammen und versuchen mit geballter verbaler Gewalt, “das Böse” zu bannen und ihrer holden Maid den Rücken zu stärken. Ihr seid nicht die Ritter in glänzender Rüstung, für die ihr euch haltet. Nein, ihr seid Heuchler, welche sich von ihrem Handeln lediglich versprechen, im Ansehen bei ihrer selbst erwählten holden Maid zu steigen. Ein einfach nur widerliches Geifern nach Aufmerksamkeit.

Können die Menschen nicht mehr normal diskutieren und dabei Meinungen austauschen, ohne direkt Feindbilder zu schaffen? Es ist erschreckend, wie sehr dadurch teils wirklich versucht wird, die Meinungsfreiheit zu beschneiden, da man dann andere Meinungen nicht mehr zulässt. Ich rede hier nicht von der Unterdrückung der Meinungsfreiheit oder von Zensur, wie sie immer wieder von Rechten propagiert wird, nur weil sie Kritik wegen haltloser und menschenverachtender Aussagen bekommen.

Zum Schluss möchten wir noch etwas aus einem Song der Band “The Ink Spots” zitieren: “I don’t want to set the world on fire, I just want to start a flame in your heart”.