Live aus dem Rantgebiet

Selbstviktimisierung - Ein neuer Trend?

Ach herrje. In letzter Zeit ist es um die Knallchargen im Internet so ruhig geworden, dass bei so manch einem ein virtueller Strohballen durch den Feed Reader gerollt ist. Aber warum eigentlich? Ein guter Freund von uns hat dem Ganzen jetzt einen Namen gegeben. Blog-Blockade. Aber ist es wirklich nur eine Blockade oder steckt eigentlich viel mehr dahinter?

Wenn man so recht darüber nachdenkt, könnte dieses ganze “Lasst mich in Ruhe, aber ich schreibe jetzt noch fünf Absätze darüber, wie sehr mich alles nicht interessiert” auch eine eigene Kunstform sein. Passiv-aggressives Tagebuchschreiben auf dem Niveau der Champions-League. Die Mischung aus “Ich will das Thema abschließen” und “Ich erkläre euch nochmal ausführlich, warum ich recht habe” ist schon lange kein Widerspruch mehr, sondern eine Performance, an die nicht einmal so mancher Musiker herankommt.

Man könnte meinen, es ginge hier um die Umbenennung eines Planeten und nicht um ein bisschen weniger Lust aufs Bloggen. Und dann wird das Ding auch noch verteidigt wie ein Doktortitel: “Nennt es doch, wie ihr wollt!” (aber wehe, ihr nennt es anders).

Da hat der Blogger von Welt es einfach nicht leicht. Man ist erschöpft, überfordert und vom Geschehen komplett niedergerungen, aber gleichzeitig schreibt man einfach fleißig weiter. Immer. Egal was passiert. Trotz “Blog-Blockade”, oder wie auch immer ihr es nennen wollt. Wahrscheinlich tippt er sogar während eines Vulkanausbruchs stoisch weiter an seinem nächsten Blogpost. Genau jetzt in diesem Moment, bis die “Wirren”, die lieber anonym bleiben wollen, aus dem Dickicht hervorspringen und wieder alles durch den Dreck ziehen.

Ergibt total Sinn. Die Logik ist einfach mal eben im Feed Reader verloren gegangen.

Und dann ist da noch diese dramatische Selbsterkenntnis: “Diese dämlichen Einlassungen haben mehr mit mir gemacht, als ich dachte.” Ach was. Wirklich? Menschen reagieren emotional auf Kritik im Internet? Das ist ja völlig neu. Schnell jemand informieren, das könnte die Forschung revolutionieren. Und am Ende kommt natürlich noch das große, trotzig hingeworfene “Ich mache einfach weiter!”, als hätte irgendjemand aktiv versucht, das zu verhindern. Diese heroische Trotzpose, als würde hier ein einsamer Blogger gegen eine tobende Meute ankämpfen, während in Wirklichkeit wahrscheinlich drei Leute genervt die Augen verdreht haben.

Das Ganze ist nicht mehr als viel Drama, viel Selbstviktimisierung, ein bisschen Internetmüdigkeit und eine erstaunliche Menge Energie dafür, etwas “abschließen” zu wollen, das offensichtlich noch sehr, sehr offen ist. Wir drehen uns im Kreis. Das ganze wird immer so weitergehen, ob es uns nun passt oder nicht.