Live aus dem Rantgebiet

Vom dramatischen Abgang zum Frühstücks-Comeback

· bRANTbeschleuniger

Es ist schon ein faszinierendes Schauspiel digitaler Selbstinszenierung, das hier geboten wird. Da wird der “Fluchtmodus” aktiviert und der Blog mit großem Pathos offline gestellt, nur um keine 24 Stunden später, also nach einer Mütze voll Schlaf und der ersten Tasse Kaffee, triumphal wieder auf der Bildfläche zu erscheinen. Eine “Flucht”, die deutlich kürzer dauerte, als ein durchschnittlicher grippaler Infekt, als heldenhaften Widerstand gegen die dunklen Mächte des Internets zu verkaufen, erfordert schon ein beachtliches Maß an Main-Character-Syndrome.

Besonders unterhaltsam ist die verbale Akrobatik, mit der er versucht, gleichzeitig das Opfer und den unbezwingbaren Fels in der Brandung zu mimen. Unser Erklärbar Nr. 2 betont zwar wortreich, wie sehr ihm die Meinung der “Lauten und Unverschämten” am Allerwertesten vorbeigeht, widmet diesen “Unbekannten” dann aber doch fast den gesamten Text. Es ist die klassische Paradoxie der Bloggeria: Man schreibt einen wütenden Aufsatz darüber, wie wenig man die Kritik beachtet, während man gleichzeitig eine namentliche Dankesliste für die eigene Echokammer (hallo Martin, hallo Daniel) führt. Wer so lautstark verkündet, kein “Fishing for Compliments” zu betreiben, während er die Netze für den nächsten Fang schon wieder auswirft, hat die Dynamik seiner eigenen Außenwirkung offenbar noch nicht ganz durchschaut.

Nach fast zwei Jahrzehnten im Netz sollte man eigentlich eine gewisse Souveränität erwarten. Stattdessen erleben wir hier eine digitale Schnappatmung, die in einer impulsiven Löschaktion gipfelt, nur um kurz darauf die Rückkehr als moralischen Sieg zu feiern, vor allem, nachdem man sich in der eigenen Forenblase so richtig schön ausgeheult und ganz viel Bestätigung geholt hat. Dass jede kritische Nachfrage sofort als bösartiges “Zerlegen” umgedeutet wird, dient dabei als bequemes Schutzschild. So muss man sich inhaltlich nicht mit Gegenwind auseinandersetzen, sondern kann sich gemütlich in der Rolle des missverstandenen Individualisten einrichten, der “keine Maschine” ist, aber die Mechanismen der Aufmerksamkeitsökonomie erschreckend routiniert bedient.

Am Ende bleibt der Eindruck eines gut choreografierten Wutanfalls. Die “Pause”, die angeblich nötig war, um Druck aus dem Kopf zu nehmen, entpuppt sich als bloßes Luftholen für die nächste polemische Breitseite. Es scheint fast so, als bräuchte unser Erklärbär den Konflikt, um überhaupt noch einen Grund für das 19. Jahr Blog-Bestehen zu finden. Man darf gespannt sein, ob das nächste “Exil” wenigstens bis zum Abendessen hält oder ob er sich endlich psychologische Hilfe für seinen psychischen Knacks holt und seine Pause für etwas Positives nutzt.

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