Live aus dem Rantgebiet

Zwischen Kritik, Gefühlen und der Anonymität

Unser geliebtes Forum ist in Aufruhr und es gibt wieder einen Blogpost von den Menschen, die viel zu oft mit dem Herzen denken und bei denen das Gehirn wahrscheinlich wieder auf Warteschleife hängt.

Grundsätzlich habe ich nichts gegen Kritik.

Ach Mensch, wenn das mal jeder so sehen würde.

Auch harte Kritik kann wichtig und notwendig sein. Verrisse haben ihren Platz, wenn sie sich ernsthaft mit Inhalten auseinandersetzen, wenn sie benennen, begründen und Haltung zeigen.

Na, sieh mal einer an, das mit den Verrissen kommt mir doch bekannt vor.

Was mir hier jedoch begegnet, fühlt sich anders an.

Da geht es schon los mit den Gefühlen.

Es wirkt weniger wie Interesse an Themen oder Entwicklungen und mehr wie das Bedürfnis, sich über andere zu stellen, als müsse man andere kleinmachen, um sich selbst größer zu fühlen.

Groß wird man nicht, indem man sich selbst groß macht, sondern weil andere einen auf ein Podest stellen.

Besonders irritierend ist es, wenn die Doppelmoral offen zutage tritt. Es werden Eigenschaften kritisiert, die im eigenen Text reproduziert werden. Feigheit wird anderen vorgeworfen, während man selbst anonym bleibt.

Die Anonymität dient hier einfach dazu, der Bloggeria ihren eigenen Spiegel vorzuhalten. Wäre es nicht anonym, hätte die Holzhammer-Methode keinerlei Auswirkungen.

Fehlende Haltung wird beklagt, während man sich jeder echten Verantwortung entzieht.

Welche Verantwortung meinst du? Dieses Blog hat keinen Lehrauftrag, obwohl es einigen Lesern echt guttäte.

Offenheit wird gefordert, doch der Dialog wird konsequent verweigert.

Was meint ihr denn, was das hier ist? Der Dialog findet doch gerade statt. Ihr schreibt etwas, wir schreiben etwas.

Das wirkt nicht wie Analyse, sondern wie Projektion.

Wie etwas wirkt, ist jedem selbst überlassen. Doch statt Projektion wäre hier das Wort “Reflexion” angemessener. Wir reflektieren hier nur, was wir lesen und projizieren nicht irgendwas Fremdes auf das, was ihr ins Internet schreibt.

An diesem Punkt fällt es mir schwer, solche Texte noch als Kritik zu lesen. Sie folgen weniger dem Wunsch nach Austausch als einem bekannten Trolling-Muster: provozieren, abwerten, verschwinden.

Provozieren: Ja. Nur damit fängt die Bloggeria auch mal an, nachzudenken.
Abwerten: Nein.
Verschwinden: Wir sind hier. Ihr findet uns jederzeit, wenn ihr darüber bloggt. Wir wissen, dass es euch am meisten stört, wenn ihr eure Meinung nicht einfach nur hier in die Kommentare kotzen könnt, sondern ihr euch öffentlich damit auseinandersetzen müsst. Und nur damit zeigt ihr der Welt am Ende euer wahres Gesicht.

Uns schrecken nicht die kritischen Kommentare ab, sondern die, die wir auf euren Posts sehen, in denen ihr euch gegenseitig Zucker in den Allerwertesten blast.

In diesem Zusammenhang wird auch der Begriff „Elite” verwendet. Er suggeriert Abschottung, Macht und Überlegenheit.

Was passiert, wenn sich Blogger in einem teil-geschlossenen Forum austauschen? Was suggeriert das? Braucht ihr die Erklärung mit einem Zaunpfahl ins Gesicht oder findet ihr es selbst heraus?

Ich habe mich gefragt, warum mich solche Texte früher stärker getriggert haben als heute.

Das nennt sich im Volksmund “Alter”.

Was mich dennoch nachdenklich stimmt, ist der Umgangston. Im Netz wird oft vergessen, dass auf der anderen Seite des Bildschirms in den meisten Fällen ein Mensch sitzt. Kein abstraktes Feindbild, keine anonyme Masse, sondern ein Mensch mit Erfahrungen, Gedanken und Verletzlichkeit. Worte verlieren nicht ihr Gewicht, nur weil man sie anonym ins Internet tippt. Sie treffen trotzdem.

Stellen wir die Frage mal andersherum: Wenn Worte nicht treffen würden, welchen Sinn hätten dann eure Blogs? Ihr schreibt das ja nicht ins Internet, damit es niemand liest. Nein, ihr schickt den Link sogar in ein Forum, auf eure Social-Accounts und in Blogger-Ringe. Das klingt schwer danach, als sollten eure Worte treffen. Egal wen oder was, denn die Verteilung findet mit einer Schrotflinte statt.

Wir posten es auf einem anonymen Mastodon-Kanal ohne Follower. Keine Schrotflinte. Und trotzdem verfehlen wir offenbar unser Ziel nicht.

Es ist vielleicht naiv, sich eine respektvollere Diskussionskultur zu wünschen.

Was bedeutet “respektvoll” eigentlich? Im Duden finden wir dazu folgende Erklärung:

  1. auf Anerkennung, Bewunderung beruhende Achtung
  2. vor jemandem aufgrund seiner höheren, übergeordneten Stellung empfundene Scheu, die sich in dem Bemühen äußert, kein Missfallen zu erregen

Der erste Punkt trifft hier nicht zu, da hier niemand niemanden anderes bewundert. Aber der zweite Punkt ist doch schon ganz interessant, denn offenbar geht es euch darum, bloß niemandem auf die Füße zu treten. Woher kommt diese Scheu vor Konflikten?

In einer respektvollen Diskussion kann es auch mal laut werden, ohne dass man sich direkt “hasst”. Ein Ziel einer respektvollen Diskussion kann es auch sein, die Meinung des anderen zu akzeptieren, auch wenn es nicht der eigenen Meinung entspricht.

Man kann sich bewusst dafür entscheiden, anders zu schreiben, anders zu reagieren oder sich bewusst nicht auf jedes Spiel einzulassen.

Da fehlt noch ein Punkt: die Fehler eingestehen. Der Punkt fehlte bisher in der gesamten Diskussion.
Wir zitieren hier im Blog sehr gerne unsere Quellen und verlinken sie auch, damit alle Leser unsere Punkte nachvollziehen können. Scheinbar ist euch euer Spiegelbild aber etwas zuwider. Anders können wir uns die Reaktionen nicht erklären.

Der Spiegel, den wir euch hier bieten, ist nicht der “Spiegel Nerhegeb” (rückwärts “Begehren”) aus Harry Potter, in dem ihr das seht, was ihr begehrt. Hier seht ihr die Realität, und die kann manchmal verstörend und hart sein.

Für mich bleibt am Ende die Frage, welche Art von Raum wir im Netz sein wollen.

Du bist kein Raum. Du kannst dich in einem Raum aufhalten. Du kannst den Raum auch schaffen. Aber weder du, noch wir oder “ihr” seid der Raum. Der Raum ist bereits da. Wussten das deine beiden “Lektoratsschäfchen” nicht?

Abschließend können wir nur dazu sagen: Bitte denkt erst über das Gelesene nach, bevor ihr zu schnell urteilt und Menschen Sachen vorwerft, die sie nie getan haben.

#kritik #gefühle #anonymität #konflikte